PATRICK MOHR MAG ZWITTER

Veröffentlicht am 26 / 7 / 10

Fotos STEVE RYAN

Text BARBARA DABROWSKA

Vice: Hi Patrick, warum ziehst du die Unisex-Sache so radikal mit den Frauen, die Glatzen und Bärte haben, durch?
Patrick Mohr
: Ich sehe Männlein und Weiblein als Einheit an, auch wenn wir körperlich nicht 100% ähnlich sind. Deshalb kreiere ich Mode, bei der die weibliche Anatomie gar nicht mehr so zum Vorschein kommt. Es geht auch darum, ein neues Kapitel zu eröffnen, so dass die Leute aus der Show kommen und vollkommen geschockt sind und gar nicht mehr wissen, was da jetzt passiert ist. 

Aber warum willst du die die Leute denn unbedingt schocken? Reicht es nicht einfach nur gute Klamotten zu machen? 
Ich mache Mode, aber mit einem tiefen Hintergrund, nicht einfach nur, "Hier hast du ein T-Shirt". Ich möchte, dass die Leute über meine Shows diskutieren. Dass es ein Thema wird, dass Männlein und Weiblein doch gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Ich möchte etwas Neues schaffen, etwas, das aus tiefsten Herzen kommt. 

Denkst du wirklich, dass Mode etwas verändern kann?
Auf dem Weg, auf dem ich jetzt bin, denke ich das schon. 

Und was wolltest du verändern, als du deine Kollektion an Bodybuildern gezeigt hast? 
Ich wollte darstellen, wie ähnlich die weiblichen Bodybuilder den männlichen sind, dass sie fast identisch sind. 

Was ist mit den Schnecken auf deinem Schreibtisch?
Oh, meine Mitbewohner da drüben? Schnecken sind Zwitter—auch wiederum beides. 

OK, aber das mit Abstand am meisten diskutierte scheint ja immer noch diese Obdachlosen-Nummer zu sein. Warum hast du das damals gemacht?
Damit hat es angefangen: Die männlichen und weiblichen Obdachlosen waren sich so ähnlich, dass man nicht wirklich einen Unterschied feststellen konnte. Außerdem hatte man immer den Hintergedanken, sind das jetzt wirklich Obdachlose?

Ah, jetzt verstehe ich den Zusammenhang zwischen deinen Shows. Woher kommt diese Gendermainstreaming-Obsession bei dir?
Das hat im Privaten angefangen, weil ich bis vor fünf Jahren selbst nicht wusste, was ich bin. Alles, was ich mache, ist tief mit meinem Herzen verbunden. Ich bin früher zum Beispiel bei H&M in die Damenabteilung gegangen und hab da die Sachen genommen, weil ich mir gesagt habe, "Hey, warum soll ich da nicht reingehen? Warum soll ich kein Frauenparfum benutzen? Warum sollte ich nicht auf die Frauentoilette gehen?" Wenn ich auf Toilette muss, geh ich da hin, wo ich hin will. Und nicht, weil da Männlein draufsteht oder Weiblein. Aber am Ende des Tages geht es um Mode und darum, dass ich davon leben kann.

Bist du dann kommerzieller als jemand wie Bernhard Willhelm?
Das geht bei mir insofern ganz gut, weil ich sowohl extravagante Fashion Pieces machen, aber auch kommerzielle Sachen. Mein Vater ist 62 und trägt meine Jeans, aber ich kann genauso einen Teenager damit einkleiden. Einige Designer, die nur verrückte Sachen machen, gehen keine Kompromisse ein, weil es gegen ihre Würde geht. Aber es ist ein hartes Geschäft und wenn man das nicht kapiert, hat man gar keine andere Chance. Bernhard macht zum Beispiel verrückte, großartige Sachen, aber seine Zielgruppe ist extrem begrenzt. Das wäre nicht genug für mich. Möge ganz Deutschland die Jeans tragen!

Wenn Leute dich also mit  Bernhard Willhelm vergleichen, findest du das dann bescheuert? 
Vielleicht ist das nur so, weil Bernhard ja auch Deutscher ist, crazy und keine Ahnung. Er ist erfolgreich in Paris, aber geh mal auf die Straße in Deutschland, da kennt ihn niemand.

Ich habe gelesen, dass du als Model angefangen hast. Wie bist du darauf gekommen?
Ich wollte das unbedingt und jeder hat mich ausgelacht und gesagt, "Vergiss es!" In München wollte mich keine Agentur haben, also bin ich immer wieder für die Fashion Week nach Mailand gefahren und habe dort Castings gemacht. Das Modeln gab mir die Chance, hinter die Kulissen zu schauen und dann habe ich gesagt, den Arschlochjob will ich nicht mehr—das Modeln—ich will Mode machen.

Du sahst damals auch noch komplett anders aus, stimmt's?
Ja, ich hatte lange blonde Haare und war so ein Milchbubi. Das Gegenteil von jetzt. Meine Eltern waren auch voll dagegen, aber ich wollte das unbedingt.

Warum?
Ich komme aus Rosenheim und wir sind öfter mal nach München gefahren und mein persönliches Highlight war es, mir den Katalog von Sport Scheck zu schnappen. Ich habe mir tagelang die Models angeschaut und wollte das auch mal.

Und irgendwo auf deinem Weg hast du dann diese Obsession für das Hässliche und Abnormale entwickelt? 
Wenn man sich so die Modewelt betrachtet, geht es nur um Glamour, Schickimicki und Schönheitswahn. Das ist völliger Blödsinn. Mode kann jeder tragen. Scheiß drauf und sei so, wie du bist!

Also bereitet dir so etwas wie die Fashion Week schon etwas Kopfschmerzen, oder?
Ich war bei dieser Vogue Party, was echt traurig war. Also ich zum Beispiel stehe morgens auf und trage eben Klamotten, die ich gerade anhabe und gehe auch in denselben Sachen zur einer Vogue Party. Mir ist scheißegal, neben wem ich da stehe. Sich drei Stunden vor den Spiel stellen bevor man zu einer Vogue Party geht, das muss nicht sein.

Ich mag deine Einstellung. Wie hast du es geschafft, in die Mode zu gehen ohne vollkommen verdorben zu werden?
Ich habe mich auf der Esmod angemeldet und musste meinen Eltern beibringen, dass es eine Privatschule ist, dass es nicht ganz so günstig wird. Ich hatte eine sehr komplizierte, anstrengende Zeit dort und hätte im zweiten Jahr fast die Schule nicht geschafft, weil ich so sehr mein Ding gemacht habe. Als ich dann meine Abschlusskollektion gezeigt habe, hatte ich alle gegen mich irgendwie und habe dann doch als bester abgeschlossen und einen Preis gewonnen. Dann haben sie alle komisch geschaut. 

Und dann ging alles irgendwie ziemlich schnell?
Ich habe die Abschlusskollektion im Apartment Store in Berlin gezeigt und wurde dort von Modabot interviewt, was irgendwie so ein Auslöser war. Als das alles durch die Presse ging, war ich schon in Kopenhagen, um für Henrik Vibskov zu arbeiten.

Nach Vibskov hast du dann damit angefangen, deine Sachen bei der Berlin Fashion Week zu zeigen, oder? 
Ich wollte das unbedingt und da haben auch so viele gesagt, "du Patrick, das ist eine Nummer zu groß für dich, lass das mal sein", aber ich habe gewusst, hey, ich glaube an mich und mache das. Dann haben viele den Namen wahrgenommen und gemerkt, da gibt es jemanden aus München, aus Oberbayern, der sein Ding macht.

Auf was müssen wir uns in Zukunft von dir gefasst machen?
Es wird immer ein bitterer Nachgeschmack dabei sein, egal was ich mache. Allerdings denke ich, dass die Leute durch die letzte Kollektion verstanden haben, dass ich nicht nur ein Provokateur bin, sondern auch ein Designer, der tatsächlich Sachen entwirft. Ich möchte als Geschäftsmann wahrgenommen werden, nicht nur als Paradiesvogel. 

Und wie schlägst du den Bogen von Business zu dieser Homeless Chic-Sache? 
Die italienische Vogue hat letzten Sommer ein Homeless Chic-Cover gemacht und ich glaube, Marc Jacobs hat vor hunderttausend Jahren schon mal so was Ähnliches gemacht. Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass ich diesen Homeless Trend letzten Sommer wieder neu aufgegriffen, neu interpretiert habe und diesen Trend, auch 'Penner Chic' genannt, wieder mit ausgelöst habe.

Einige Leute meinen, dass nur ein Arschloch Obdachlose für sein Show benutzen würde, was sagst du dazu? 
Sie haben alle freiwillig mitgemacht. Wenn denen was nicht passt, dann sagen die "Tschüss!" und sind weg. Sie waren danach alle superhappy und ich habe niemanden benutzt, um medientechnisch aufzufallen, sondern es war mein Herzenswunsch, das zu machen.

Aber die Obdachlosen waren trotzdem anders angezogen als die echten Models, oder?
Die Models hatten einfach nur eine wesentlich bessere Figur, um die Jeans zu verkörpern. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, dass die spezielleren Sachen von den Homeless People und die kommerziellen Sachen von den Models getragen werden.

Eine Frage noch. Wie lange hat es eigentlich gedauert, einem weiblichen Model eine Glatze und einen Bart zu verpassen?
Man benötigt normalerweise mindestens eine Stunde pro Model. Da waren Mädels dabei, die Haare bis zum Arsch hatten und die die mussten alle weggesteckt werden. Abgesehen von zwei Mädchen, die sich über den Schmerz beschwerten, nachdem sie ihre Latexhauben nach der Show abnehmen mussten, war die ganze Sache aber ziemlich entspannt. 

Danke, Patrick!

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